Die Beatles in Marburg - Marburg

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Die Beatles in Marburg

Historisches > Marburger Geschichten
Als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen.
(nach einem halbdokumentarischen Film von Michael Wulfes nacherzählt)

Im Jahr 1966 verbreitete Ferdinand Kilian, der von seinen Freunden allgemein nur Ferdi genannt wurde, die sensationelle aber leider falsche Nachricht, dass die Beatles nach Marburg kämen. Ferdi, der Sohn und Angestellte eines Marburger Friseurobermeisters, war in Marburg wohl bekannt. Zeitzeugen schildern ihn als stets elegant gekleideten, lebenslustigen und gerne im Mittelpunkt des Interesses stehenden Menschen. Oft sah man ihn am Steuer seines Ford 20M, lässig einen Arm aus dem Fenster gestreckt, durch die Stadt fahren. Im Club E, dem damals beliebtesten Beatclub Marburgs, verkehrte er häufig und stand hier zuweilen auch einmal selber, auf seinen Bongos trommelnd, auf der Bühne. Auch sonst nahm Ferdi rege am sozialen Leben der Stadt teil. Er organisierte kleine Tanzveranstaltungen, betätigte sich als Amateurzauberer auf kleinen Bühnen und war als freiwilliges Mitglied in einer Unfallhilfsorganisation tätig.

Doch wie kam es dann zur Verbreitung seiner Falschnachricht?

Alles begann im September 1966, zwei Monate nach den großen Beatles-Konzerten in Essen, München und Hamburg als ein Fremder den Friseursalon von Ferdinand Kilian betrat, um sich dort einen neuen Haarschnitt verpassen zu lassen. Der Fremde, der sich mit dem Namen Öttringer vorstellte, erzählte Ferdi: Er sei gut mit dem Beatle John Lennon befreundet, den er vor einiger Zeit in Celle kennen gelernt habe. Den Beweis trat er sogleich in Form einer handsignierten Autogrammkarte der Beatles an. Weiterhin berichtete Öttringer das John Lennon ihm zugesagt habe, dass die Band im nächsten Jahr noch einmal für ein großes Deutschlandkonzert nach Göttingen kommen werde und wenn Kilian Interesse hätte und die nötige Organisation in die Hand nehme, dann würde sich auch sicherlich noch ein zweites Konzert in Marburg einrichten lassen. Ferdi war begeistert und erklärte sich sofort zur Übernahme der Veranstaltungsorganisation bereit.

Obwohl Ferdi nur einige wenige gute Freunde in die Geschichte einweihte, verbreitete sich die Nachricht in Windeseile in Marburg und am 6. September 1966 verkündete Ferdi anlässlich einer Veranstaltung in den Marburger Stadtsälen: "Er werde die Beatles nach Marburg bringen." Bereits einen Tag später erfuhr auch der Rest der Stadt durch einen Bericht in der Oberhessischen Presse von den beiden geplanten Konzerten im Frühjahr 1967.

Wochenlang bereitete Ferdi das Konzert in allen Einzelheiten vor. Schon bald hingen überall in der Stadt seine selbst gedruckten Plakate. Mit der Stadtverwaltung Marburg schloss er einen Vertrag über die Anmietung der rund 700 Sitzplätze umfassenden Stadtsäle. Er reservierte Zimmer für die Übernachtung der Beatles und entwarf und fertigte sogar teilweise selber die 70,00 DM kostenden Eintrittskarten für die Veranstaltung an. Für den Vorverkauf der Eintrittskarten gewann er einen bekannten Marburger Radio- und Fernsehhändler. Bekannte und Freunde Ferdis kümmerten sich um den Kartenverkauf in den umliegenden Gemeinden.

Am 7. Oktober 1966 erschien ein weiterer Artikel in der Oberhessischen Presse, in dem wegen Terminschwierigkeiten eine Verschiebung des Konzerts um eine Woche vom 17. auf den 24. März 1967 angekündigt wurde. Als Vorgruppe der Beatles wurde in diesem Artikel die bekannte Band "Herman's Hermits" genannt. Damit schienen alle vielleicht noch bestehenden Zweifel an der Richtigkeit der Veranstaltung beseitigt.

Binnen kurzer Zeit war Ferdi zum neuen Helden der Stadt geworden. In den Marburger Lokalen wurde er gefeiert und mit den Glückwünschen der Fans überschüttet, das Freibier floss in Strömen und Ferdi stand endlich da, wo er schon immer hinwollte: im Mittelpunkt des Geschehens.

Aber am 18. Oktober 1966 kam das dicke Ende der Geschichte. Ein Marburger Konzertveranstalter und der Zeitungsredakteur Jürgen B. hatten versucht etwas mehr über die Geschichte zu erfahren und waren nach Göttingen gefahren, um dort selber Kontakt zu jenem Fremden namens Öttringer aufzunehmen. Aber dieser war dort nicht auffindbar. Um den Schwindel gänzlich zu entlarven, telefonierten die beiden schließlich direkt mit London und dem Management der Beatles. Aus London kam kurze Zeit später die schriftliche Mitteilung, dass von Seiten der Band kein Auftritt in Göttingen oder Marburg geplant sei und es auch keinerlei Verhandlungen in dieser Richtung gegeben hätte. Einen Tag später wurde das Schreiben in der Oberhessischen Presse abgedruckt.

Obwohl Ferdi selber leichtgläubig einem Betrüger aufgesessen war, sahen viele Marburger in ihm den Hauptschuldigen des Betruges. Schnell war sein Ruhm verblasst. Immer wieder wurde Ferdi von den stark enttäuschten Fans beschimpft und sogar von ihnen mehrmals veprügelt. Die entstandenen Vermögensschäden (Kartenvorverkauf etc.) wurden zwar von Ferdis Vater (Ferdinand Kilian sen.) geregelt, führten aber zum Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn. Wenig später verließen Ferdi Kilian und seine Frau Inge die Stadt und eröffneten im einige Kilometer entfernten Dreihausen einen eigenen Friseursalon.

In den nachfolgenden Jahren setzten die Scheidung von seiner Frau Inge, ein Herzfehler und eine Zuckerkrankheit dem einstigen Helden von Marburg schwer zu. Sein Augenlicht verschlechterte sich zusehends, bis er schließlich vollkommen erblindet am 3. September 1985 im Alter von nur 48 Jahren starb.

Gut 20 Jahre nach dem Tod von Ferdinand Kilian drehte der in Marburg gebürtige Filmemacher Michael Wulfes den tragisch-komischen Doku-Spielfilm:

Der Tag, als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen

Michael Wulfes rekonstruiert in seinem Film die Geschichte von Ferdinand Kilian mit liebevoll ironisch inszenierten Spielszenen, mit privaten Fotos und Archivaufnahmen und natürlich auch damaligen Zeitzeugen, die noch heute ins Schwärmen geraten, wenn sie sich an Ferdie, an Marburg und an den Tag erinnern, als die Beatles beinahe nach Marburg kamen.

Beatles in Marburg
Copyright © 2017 Wolfgang Krebs.
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