Till Eulenspiegel in Marburg - Marburg

Marburger Landgrafenschloss
Pilgrimstein, Marburg
Marburg
in
Hessen
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Till Eulenspiegel in Marburg

Historisches > Sagen
Wie Till Eulenspiegel für den Landgrafen von Hessen ein Bild malte und ihm dann weismachte, wer unehelich geboren sei, könne das Bild nicht sehen.

Recht abenteuerliche Dinge trieb der bekannte Schalk und Schelm Till Eulenspiegel in Marburg. Nachdem Till Eulenspiegel das Land Sachsen kreuz und quer durchwandert hatte und er dort so gut bekannt war, dass er sich mit seinen Streichen kaum noch ernähren konnte, begab er sich in das wunderschöne Land Hessen an den Hof des hessischen Landgrafen, der seinerzeit in Marburg residierte. Als der Landgraf Ihn fragte: Was er denn für ein Abenteurer sei", antwortete er: "Gnädiger Herr, ich bin ein Künstler." Darüber freute sich der Landgraf sehr, weil er dachte, dass Eulenspiegel ein Artist sei und sich auf die Alchemie verstünde. Denn der hessische Landgraf bemühte sich sehr um die Alchemie. Also fragte er Eulenspiegel, ob er ein Alchemist sei. Aber Eulenspiegel sprach: "Gnädiger Herr, nein. Ich bin nur ein Maler, wie er in vielen Landen nicht gefunden wird, da meine Arbeit andere Arbeiten bei weitem übertrifft." Der Landgraf sagte: "Lass uns etwas davon sehen!" Eulenspiegel sprach: "Gerne, gnädiger Herr." Und er hatte einige auf Leinen gemalte Bilder, die er bei seiner Wanderung durch Flandern gekauft hatte, die zog er aus seinem Sack und zeigte sie dem Landgrafen. Die Bilder gefielen dem Herrn sehr, und er sprach zu Eulenspiegel: "Lieber Meister, was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns unseren Saal ausmalt mit Bildern von der Herkunft der Landgrafen von Hessen und wie sie befreundet waren mit dem König von Ungarn und anderen Fürsten und Herren? Wollt Ihr uns das auf das beste machen, so gut Ihr es immer vermögt?" Eulenspiegel antwortete: "Gnädiger Herr, wie mir Euer Gnaden das aufgibt, wird es wohl an die vierhundert Gulden kosten." Der Landgraf sprach: "Meister, macht uns das nur richtig! Wir wollen es Euch wohl belohnen und Euch noch ein gutes Geschenk dazu geben."

Eulenspiegel nahm sogleich den Auftrag an. Aber der Landgraf musste Ihm sofort hundert Gulden Vorschuss geben, damit er Farben kaufen und einige Gesellen einstellen konnte. Als Eulenspiegel mit seinen 3 eingestellten Gesellen die Arbeit anfing, bat er sich vom Landgrafen aus, dass niemand in den Saal gehen dürfte, während er an dem Gemälde arbeite. Das genehmigte ihm der Landgraf. Nun wurde Eulenspiegel mit seinen Gesellen einig und vereinbarte mit ihnen, dass sie schweigen und ihn gewähren ließen. Sie brauchten nicht zu arbeiten und sollten dennoch ihren vollen Lohn erhalten. Darin willigten die Gesellen nur gerne ein und waren zufrieden, dass sie mit Nichtstun ihren Lohn verdienen sollten.

So vergingen ungefähr vier Wochen, bis der Landgraf wissen wollte, was der große Meister mit seinen Kumpanen malte und ob es denn auch so gut werden würde wie die gezeigten Proben. Und so sprach er Eulenspiegel an: "Ach, lieber guter Meister, uns verlangt gar sehr, Eure Arbeit zu sehen. Wir möchten, mit Euch in den Saal gehen und Eure Gemälde betrachten." Eulenspiegel antwortete: "Ja, gnädiger Herr, aber eins muss ich Euer Gnaden noch sagen: Wer mit Euer Gnaden geht und das Gemälde anschaut und nicht ehelich geboren ist, der kann mein Kunstwerk nicht sehen." Darauf sprach der Landgraf: "Meister, das wäre etwas ganz Großes." Währenddessen gingen sie in den Saal. Eulenspiegel hatte ein langes Leinentuch an die Wand gespannt, die er bemalen sollte. Das zog er nun ein wenig zurück und zeigte mit einem Stab an die Wand und sprach sodann: "Seht, gnädiger Herr, dieser Mann, das ist der erste Landgraf von Hessen. Er hatte zur Fürstin und Frau eine Herzogin aus Bayern, des reichen Justinians Tochter, der später Kaiser wurde. Seht, gnädiger Herr, von dem da wurde Adolfus erzeugt und Adolfus zeugte Wilhelm den Schwarzen. Wilhelm zeugte Ludwig den Frommen und also weiter bis hin auf Eure Fürstliche Gnaden. Ich weiß bestimmt, dass niemand meine Arbeit bemängeln kann, so kunstvoll und meisterlich ist sie und auch in den schönsten Farben." Aber der Landgraf sah weiter nichts als die weiße Wand und dachte bei sich selber: Und wenn ich ein Burenkind bin, ich sehe nichts anderes als eine leere weiße Wand. Er sprach aber, um den Anstand zu wahren: "Lieber Meister, uns genügt Eure Arbeit wohl. Doch haben wir nicht genug Verständnis dafür, um alles richtig zu erkennen." Und er verließ den Saal.

Als der Landgraf hernach zu der Fürstin kam, fragte sie ihn: "Ach, gnädiger Herr, was malt denn Euer Maler? Ihr habt es doch gesehen, wie gefällt Euch seine Arbeit? Ich habe wenig Vertrauen zu Eurem Maler, er sieht aus wie ein Schelm." Der Fürst sprach: "Liebe Frau, mir gefällt seine Arbeit durchaus und sie genügt mir." "Gnädiger Herr", sprach sie, "dürfen wir es nicht auch ansehen?" "Ja, mit des Meisters Erlaubnis."

Daraufhin ließ die Landgräfin Eulenspiegel zu sich kommen und begehrte auch, das kunstvolle Gemälde zu sehen. Und Eulenspiegel sprach zu ihr wie zum Landgrafen: wer nicht ehelich geboren ist, könne seine Arbeit nicht erkennen. Da ging sie mit acht ihrer Jungfrauen und einer Hofnärrin in den Saal. Eulenspiegel zog wieder das Tuch zurück und erzählte auch der Landgräfin die Herkunft der Landgrafen, Stück für Stück. Aber die Fürstin und auch die Jungfrauen schwiegen, niemand lobte oder tadelte das Bild. Und Jede fürchtete sich davor, vom Vater oder von der Mutter her unehelich zu sein. Schließlich sprach die Närrin: "Liebster Meister, ich sehe nichts von einem Bild, und sollte ich mein Lebtag lang ein Hurenkind sein." Eulenspiegel dachte: das kann nicht gut werden, wenn die Toren schon die Wahrheit sagen, so sollte ich wirklich weiterwandern. Und so zog er die Worte der Närrin ins Lächerliche.

Indessen ging die Landgräfin wieder zu ihrem Gemahl. Der fragte sie, wie ihr das Gemälde denn so gefallen hätte. Die Fürstin antwortete ihm: "Gnädiger Herr, es gefällt mir ebenso wie Euer Gnaden. Aber unserer Hofnärrin gefällt es gar nicht. Sie sagt, sie sähe auch kein Gemälde, dergleichen unsere Jungfrauen. Ich befürchte, es ist eine Schelmerei im Spiele." Das ging dem Fürsten zu Herzen, und er überlegte, ob er nicht schon betrogen sei. Trotzdem ließ er Eulenspiegel ausrichten, er solle seine Sache vollenden, das gesamte Hofgesinde solle seine Arbeit betrachten. Der Landgraf meinte, er könne bei dieser Gelegenheit gleich sehen, wer von seinen Rittersleuten ehelich oder unehelich sei. Denn die Lehen der Unehelichen seien ihm verfallen. Da ging Eulenspiegel zu seinen Gesellen und kündigte ihnen. Er forderte noch hundert Gulden von dem Rentmeister des Landgrafen, erhielt sie und ging auch davon.

Am anderen Tage fragte der Landgraf nach seinem Maler, aber der war fort. Da ging der Landgraf in den Saal mit allem seinem Hofgesinde und fragte ob jemand etwas Gemaltes sehen könne. Aber niemand konnte sagen, dass er etwas anderes als eine leere Wand sähe. Da sie so alle schwiegen, sprach der Landgraf: "Nun erkennen wir wohl, dass wir einem Schalk aufgesessen sind. Mit diesem Eulenspiegel habe ich mich nie befassen wollen, dennoch ist er zu uns nach Marburg gekommen. Die zweihundert Gulden wollen wir verschmerzen. Er aber wird ewig ein Schalk bleiben und soll darum unser Fürstentum meiden." Also war Eulenspiegel aus Marburg entkommen und wollte sich künftig nie wieder mit Malen befassen.

(frei nach Hermann Bote, ca. 1467-1520)

Copyright © 2017 Wolfgang Krebs.
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